Abstrakter Daten- und Lichtfluss in Blau – Symbolbild für Digital Health und den europäischen Rückstand gegenüber USA und Asien

Kapital & Finanzierungsstrategien

Digital Health · Europas Rückstand zu USA & Asien

Michael Scheidel · Gründer und Managing Partner MSI Partners

Michael Scheidel

Abstrakter Daten- und Lichtfluss in Blau – Symbolbild für Digital Health und den europäischen Rückstand gegenüber USA und Asien

Kapital & Finanzierungsstrategien

Digital Health · Europas Rückstand zu USA & Asien

Michael Scheidel · Gründer und Managing Partner MSI Partners

Michael Scheidel

Europa redet über digitale Gesundheit, die USA und Teile Asiens liefern bereits. Zwischen Anspruch und Realität klafft eine Lücke, sichtbar an ePA und EHR, an Telemedizin, Interoperabilität und Datenplattformen. Wer heute investiert, profitiert von Märkten mit klaren Standards und belastbarer Infrastruktur. Und zahlt in fragmentierten Systemen einen hohen Integrationszuschlag.

Der Befund ist unbequem, aber belastbar. Europa liegt 5-7 Jahre strukturell hinter USA und Singapur, gemessen an ePA-Adoption, Telemedizin-Integration und Interoperabilitäts-Standards. Genau diese Lücke öffnet die Chance für DACH-HealthTech-Investoren, die Catch-up-Innovation finanzieren statt nur Marktgröße zu kaufen.

Die EU hat mit dem European Health Data Space, kurz EHDS, einen Rahmen geschaffen, der Primär- und Sekundärnutzung von Gesundheitsdaten vereinheitlichen soll. Die Verordnung ist seit März 2025 in Kraft, es läuft eine Übergangsphase mit Umsetzungsakten bis 2027. Regulierung kommt, Infrastruktur folgt mit Zeitverzug und deutlichen Länderdifferenzen.

Gleichzeitig kritisierte der Europäische Rechnungshof die bisher schleppende, uneinheitliche Digitalisierung und warnte vor Risiken durch Fragmentierung und mangelnde Interoperabilität (ECA-Sonderbericht 25/2024). Für HealthTech-Investitionen heißt das, der Rückstand ist real, aber er ist kein Zufall, sondern Folge fehlender verbindlicher Standards.

Digitalisierung ist erst dann Wert, wenn Daten sektorenübergreifend fließen – sicher, standardisiert, nutzbar

USA und Asien

Wo die Infrastruktur schon trägt

Die USA haben durch HITECH und Meaningful Use eine praktisch vollständige EHR-Abdeckung erreicht. 96 Prozent der nicht-bundesstaatlichen Akutkrankenhäuser und 78 Prozent der niedergelassenen Ärzte nutzten bis 2021 zertifizierte EHRs (ONC QuickStats). Die Durchdringung ist also kein Engpass mehr.

Der Engpass liegt eine Ebene tiefer. 2023 engagierten sich 70 Prozent der Krankenhäuser in allen vier Domänen des interoperablen Datenaustauschs, also senden, empfangen, finden und integrieren (ONC Data Brief 2023). Das ist Fortschritt, aber keine Vollabdeckung. Das tiefe Integrieren von Fremddaten bleibt die eigentliche Hürde.

Asien geht den umgekehrten Weg über zentral gedachte Datenräume. Singapur bündelt mit dem NEHR unter dem Leitsatz „One Patient, One Health Record“ Schlüsseldaten national und ermöglicht berechtigten Zugriff über Versorgungsgrenzen hinweg. Südkorea rollt seit 2023 mit MyHealthWay eine staatliche PHR- und MyData-Plattform aus, auf Basis einer sehr hohen EMR-Durchdringung.

Die Implikation ist für Investoren entscheidend. Zentral definierte Standards plus klare Governance verkürzen Implementierungszeiten und damit die Time-to-Value. Praxisbeleg dafür liefert die OECD, deren Daten zeigen, dass Länder mit klaren digitalen Governance-Strukturen Telemedizin und Datenanalyse schneller skalierten, etwa während COVID-19 (OECD Health at a Glance 2023).

Ohne Interoperabilität ist Digitalisierung nur teure Dokumentation

Vergleich auf einen Blick

EU · USA · Asien im direkten Abgleich

RegionEHR/ePA-DurchdringungNationaler Datenraum
EUUneinheitlich je MitgliedstaatEHDS, Umsetzung bis 2027
USASehr hoch, Krankenhäuser ~96%Netzwerke und HIEs
Asien (SG/KR)Hoch in KernsystemenNEHR / MyHealthWay
Quellen ONC und ONC QuickStats · ONC Data Brief 2023 · EU/EHDS · ECA-Sonderbericht 25/2024 · Synapxe/NEHR · PMC/MyHealthWay. Mehr zur Logik des Markteintritts im Healthcare-Sektor.
Bremser und Beschleuniger

Was den Fortschritt wirklich bestimmt

Die Bremser sind benennbar. Heterogene Standards, divergierende Datenschutz-Interpretationen, Anreizsysteme ohne Outcome-Fokus und Legacy-IT in den Kliniken. Jeder dieser Faktoren erhöht den Integrationsaufwand und verlängert den Weg vom Pilot zur Skalierung.

Die Beschleuniger sind ebenso klar. Verbindliche Interoperabilitätsprofile, eID und elektronische Signatur, zentrale Terminologien wie SNOMED CT und LOINC sowie Sekundärnutzung mit klaren Datentreuhandmodellen. Wo diese Bausteine verbindlich gesetzt werden, sinkt der Integrationszuschlag spürbar.

Für DACH-Founder ist die Standard-Landschaft Pflichtwissen. FHIR (HL7) als Interoperabilitäts-Standard, MDR (EU 2017/745) für medizinische Software, das DiGA-Verzeichnis nach §33a SGB V für erstattungsfähige Apps und die GDPR für den Datenschutz. Wer diese Tiefe nicht beherrscht, hat keine Plattform, sondern ein Projekt.

Was USA und Asien zusätzlich vorantreibt, ist Kapitalintensität. In HealthTech fließen international rund 30 Mrd. USD Venture Capital jährlich, gepaart mit aggressiver regulatorischer Förderung und Plattform-Standardisierung über große Anbieter. Für Investitionen in MedTech und Digital Health ist dieser Kapital- und Standard-Vorsprung der eigentliche Multiple-Hebel.

Investitionsfelder

Wo jetzt belastbare Geschäftsmodelle entstehen

Fünf Felder, in denen die Heterogenität europäischer Systeme nicht das Problem, sondern die Nachfrage ist.

01
Feld 01

Interoperability-as-a-Service

Terminologien, Mapping, API-Gateways und FHIR-Adapter mit Pay-per-Transaction-Modellen für Heterogenität.

02
Feld 02

Data Quality und Governance

De-Identification, Consent-Management und Auditability als Voraussetzung für die EHDS-Sekundärnutzung.

03
Feld 03

Virtual Care und RPM

Telemonitoring, Homecare-Kits, Device-Clouds und die Integration in die Abrechnung.

04
Feld 04

Workforce-Tech

Digitale Dienstplanung, Skill-Matching und KI-gestützte Dokumentation zur Entlastung des Personals.

05
Feld 05

Security-by-Design

Zero Trust, Medical Device Security und Ransomware-Resilienz als Grundvoraussetzung statt Add-on.

Mini-Case

Markteintritt in zwei Schritten

Ein gangbarer Pfad in den europäischen Markt trennt Pilotierung und Skalierung sauber. Schritt 1 läuft über 12 bis 18 Monate. Pilotregionen in zwei EU-Ländern, FHIR-Gateways plus Consent-Management, Fokus auf genau einen abrechenbaren Use Case, etwa RPM bei Herzinsuffizienz.

Schritt 2 folgt über 18 bis 36 Monate. Skalierung über Kassen- und Verbandsverträge sowie Data-Products für die Sekundärnutzung in der Versorgungsforschung, durchgehend mit EHDS-konformer Governance. Der Reihenfolge-Effekt ist der Punkt, erst der nachweisbar abrechenbare Use Case, dann die Breite.

Die Takeaways fassen den Investment-Case zusammen. Europa schafft mit EHDS die Grundlagen, der Vorteil realisiert sich aber erst mit harter Interoperabilität auf Länder- und Anbieter-Ebene. Die USA bleiben Referenz bei der EHR-Durchdringung, ihr Engpass ist das tiefe Integrieren von Fremddaten. Singapur und Südkorea zeigen, dass zentral gedachte Datenräume die Time-to-Value verkürzen.

Für Investoren zählen damit Standards, Umsetzungsreife und Integrationsrisiken, nicht allein die Marktgröße. Genau hier liegt die DACH-Chance, Catch-up-Innovation in ePA- und EHR-Integration, in sektorübergreifenden Patient-Journey-Plattformen, in KI-Diagnostik mit DiGA-Listung und in Telemedizin-Spezialanbietern mit Versorgungsvertrags-Tiefe.

Risiko-Matrix

Drei Risiken und ihre Hedges

Kurzfassung der Risiken, die jeden Digital-Health-Case in Europa prägen, mit dem jeweils belastbaren Gegenmittel.

Regulatorik

EHDS-Umsetzung und nationale Ausgestaltung

Risiko
Verzögerungen und Mehrfachzulassungen durch heterogene nationale Umsetzungsakte
Impact
Hedge · Standards früh erfüllen, Compliance-by-Design
Go-to-Market

Vertrieb in fragmentierten Systemen

Risiko
Hoher CAC und lange Sales-Zyklen über verteilte Entscheider
Impact
Hedge · Kassen und Verbände als Multiplikatoren, Konsortien
Tech-Debt

Integration in die Legacy-IT der Kliniken

Risiko
Unplanbarer Integrationsaufwand bei gewachsener Klinik-IT
Impact
Hedge · Modulare Architektur, Referenz-Integrationen
Häufige Fragen

Digital Health zwischen Europa, USA und Asien

Wie groß ist der digitale Rückstand Europas?

Europa liegt 5-7 Jahre hinter USA und Singapur in zentralen Digital-Health-Indikatoren, also ePA-Adoptionsrate, Telemedizin-Integration, Interoperabilitäts-Standards (FHIR, HL7) und KI-gestützte Diagnostik.

Was treibt USA und Asien voran?

Welche Investment-Chancen ergeben sich für DACH?

Welche Standards gelten für HealthTech in Europa?

Was sollten HealthTech-Founder beachten?

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